Wie Berührung auf uns wirkt

 Wann fassen wir einander an. Und warum sind Berührungen so wichtig beim Kontakt zwischen Menschen. Haptik-Forscher Martin Grunwald erklärt, wie uns unser Tastsinn in unserer Entwicklung beeinflusst.

von Tobias Schmitz

 

Die unbewusste Macht der Berührung

 

Herr Grunwald, warum gibt es in diesen Zeiten so viele Menschen, die ihr Smartphone streicheln, während sie sich nach echten Berührungen sehen?

Einerseits ist das Bedürfnis nach Körperlichkeit besonders groß, wenn der Mensch Schutz sucht: in angstbesetzten Situationen und in unsicheren Zeiten. Andererseits verlieren wir immer mehr unsere Fähigkeit zur Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Das Miteinander-Sein ohne konkrete Aufgabe, ohne Ziel, einfach nur um des Zusammenseins willen, wird offensichtlich weniger. Wie leben heute gerne zielgerichtet, aber im Unverbindlichen. 

Was hat das mit Berührung zu tun?

Körperlichkeit hat immer etwas mit Verbindlichkeit zu tun. Wir haben hundert Freunde auf Facebook, finden aber keinen Kumpel, der uns dabei hilft, einen Schrank die Treppe runterzutragen. Das Bedürfnis nach Nähe bleibt, wird aber immer weniger befriedigt. Wie vermitteln Menschen einander Zuneigung und Vertrauen? Nicht, indem sie Likes setzen, sondern indem sie sich irgendwann mal anfassen. Die zentralen Botschaften des Körpers werden körperlich vermittelt. Aber Facebook umarmt nicht. Wir haben zu viel Arbeit und zu wenig Körperlichkeit.

 

Macht das den Erfolg von Wellness-Oasen aus?

Wir haben zu viel Arbeit und zu wenig Körperlichkeit. Wir „verrotten“ acht, zehn Stunden am Tag vor unseren Plastiktastaturen und Rechnern. Dafür sind wir nicht konstruiert.Und die Wellness-Industrie lacht sich darüber ins Fäustchen. Früher meinte Wellness ein Dampfbad, heute ist es die Vierhand-Massage.

Inwiefern ist Berührung ein Grundbedürfnis?

Der Mensch ist dreidimensional konstruiert. Die Haut ist nicht nur Schutz, sondern auch Körpergrenze. Und diese muss ich als Mensch immer wieder erfahren und im Wortsinne begreifen. Der Mensch kann ohne Geschmackssinn leben, ohne Gehör, sogar ohne Augenlicht. Aber Sie bleiben nicht gesund, wenn Ihnen der Körperkontakt genommen wird. Säugetiere, die nicht körperlich stimuliert werden, degenerieren oder sterben. Der biologische Reifungsprozess setzt voraus, dass der Organismus sicher ist, dass ein Gegenüber existiert. Er muss fühlen: Es gibt den anderen. Und es gibt mich. Berührungen sind in manchen Phasen unseres Daseins ein regelrechtes Lebensmittel. 

Vor allem in unserer Kindheit?

Nein, das Bedürfnis nach Körperkommunikation durchzieht unser ganzes Leben, vom Embryo bis zum Greis. Sie können einem demenzkranken Menschen nichts mehr erklären. Aber Sie können ihm unendlich viel geben – durch Berührung. Bei jüngeren Erwachsenen ist das nicht anders. Ich glaube zum Beispiel, dass viele Menschen auch mit „One Night Stands“ in erster Linie Wärme und Nähe suchen. Vor allem Männer können dieses Bedürfnis aber schlecht ausdrücken. Die bekommen eher einen Joint angeboten als einfach mal so eine freundschaftliche Umarmung.

Was passiert mit Menschen, denen in entscheidenden Phasen ihres Lebens zu wenig Berührungen zuteil wurden? 

Sie nehmen unter Umständen Schaden. Wir forschen auch zu den Ursachen für Anorexia nervosa, also Magersucht. Manche Wissenschaftler sind der Ansicht, die Krankheit sei genetisch angelegt. Unsere Hypothese geht in eine andere Richtung.

In welche? 

Wir gehen von einer Entwicklungsstörung aus. Von einem Mangel an Körperkontakt in bestimmten Reifungsphasen. Die Kranken erleben ihren Körper anders, als er sich objektiv darstellt. Ein völlig abgemagerter Mensch sagt unter Tränen, dass er seinen fetten, aufgedunsenen Leib hasst. Er hat offenbar kein adäquates Körperschema ausbilden können. Erlebt der Heranwachsende zu wenig seine eigene Körperlichkeit durch den körperlichen Kontakt zu anderen, erfährt er zu wenig über seine Körpergrenzen. Er entwickelt kein angemessenes dreidimensionales Bild von sich selbst. Wir wissen, dass in Familien häufiger Fälle von Anorexia nervosa auftreten, in denen es emotional eher kühler zugeht, eher kognitiv, eher leistungsorientiert. In Familien also, in denen Körperlichkeit und Berührungen eher zu kurz kommen.

Wie können Sie Betroffenen helfen?

Wir haben für die Patienten einen sehr eng anliegenden Anzug aus Neopren entwickelt, der bei jeder Bewegung des Körpers zu spüren ist. Der Anzug gibt sozusagen Feedback. Dadurch erfahren viele Betroffene zum ersten Mal ihre Körpergrenzen. Das Gehirn begreift durch den haptischen Kontakt eher die wirklichen Ausmaße des erkrankten Körpers. Der Anzug kommt bereits an mehreren Kliniken zum Einsatz. Eine Studie zur Wirksamkeit läuft.

 

SPEZIALGEBIET TASTSINN
Haptik-Forscher Martin Grunwald
Philipp Brandstädter/Picture-Alliance 

Martin Grunwald, 49, ist habilitierter Psychologe und forscht an der medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Der Haptik-Experte ist Autor des Buches "Human Haptic Perception - Basics and Applications".